Ein auf den ersten Blick unscheinbar wirkender älterer Herr mit schütterem weißem Haar betritt das Podium, sieht vor sich ein gut gefülltes Glas Rotwein stehen, nippt kurz daran, um es schließlich in einem kräftigen Schluck zu leeren. Martin Walser hat sich Mut verschafft. Gestärkt intoniert er den ersten Satz seines Romanausschnitts - und unterbricht. Süffisant blickt er einer störenden Photographin hinterher, die sich auf leisen Sohlen davonstiehlt. Beschwingt beginnt er den Satz erneut und fährt mit dem Auszug seines autobiographischen Romans "Ein springender Brunnen" fort - um wiederum abzubrechen. Immer diese fürchterlichen Photographen! Sichtlich unwohl verläßt Martin Walser kurz das Podium und stellt sich mit dem Rücken zum Publikum. Die Wirkung läßt nicht lange auf sich warten. Seine unerwünschte Gegenwart spürend, verläßt auch dieser Photograph den Saal. Nun kann Walser unbeschwert lesen.
Nein, eigentlich liest Walser nicht: er predigt. Wie auf einer Kanzel steht er dort und läßt das Auditorium an seiner Erzählung teilhaben. Daß es seine (sprich: eigene) Geschichte ist, die vom jungen Johann am Bodensee während der dreißiger Jahre erzählt wird, schwebt allgegenwärtig im Raum mit und entbehrt so zuweilen nicht der unbeabsichtigten Komik.
"Man hat mich photographiert", ruft Walser aus - doch wer spricht? Für einen Augenblick verschmelzen Johann, junger Walser und alter Walser zu einer Stimme: fortan scheinen Autor und Romanheld, eine Figur zu bilden. Im Roman erfahren wir, wie sich Johann wegen seiner ersten - aber teuren - Photos den Zorn seiner Mutter zugezogen hat und von nun an ein zwiespältiges Verhältnis zu Photographen hat. Erklärt sich damit Walsers Abneigung gegen das Photographiert-zu-werden?
Am Ende seiner knapp einstündigen Lesung ist es jedoch nicht bei dieser einen Anekdote geblieben. Unaufgeregt und präzise reiht Walser seine kleinen Alltagsgeschichten aneinander, und beinahe unmerklich nähert er sich den schwierigen Themen jener Zeit. Des Vaters Kriegserfahrungen und der Beitritt der Mutter zu den Nationalsozialisten lassen "Ein springender Brunnen" zu einem interessanten Versuch der Ge-schichts(be)schreibung werden. Nicht deuten, sondern darstellen und erzählen ist Walsers Devise.
Beinahe vergessen sind nach der Lesung Walsers polarisierende Worte bei seiner Rede anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Seine schroff ablehnende Haltung gegenüber dem geplanten Holocaust-Mahnmal in Berlin trug ihm harte Kritik ein, die bis hin zu der von Ignatz Bubis geäußerten Bezichtigung der "geistigen Brandstiftung" führte. Wie dunkle Gewitterwolken hängen diese gegenseitigen Beschuldigungen in der Luft, was Walser und seine nähere Umgebung spürbar nervös und gereizt erscheinen lassen. Schnurstracks verläßt Walser nach der Lesung das Podium, um somit eine mögliche Diskussion zu vermeiden, hält sich im Anschluß aber lange mit dem Signieren seines Romans auf.
All der Streitigkeiten müde, für die er auch selbst in den vergangenen Jahren immer wieder sorgte, übt sich Martin Walser seit über einem Jahr in einer selbstauferlegten Abstinenz im Geben von Interviews, doch er war trotzdem zu einem Gespräch mit uns bereit. Im Anschluß an die anstrengende Lesung und zahlreichen Buchsignierungen wirkt Walser jedoch müde und leicht gereizt - allerdings kein Wunder nach einer solchen anstrengenden Prozedur. Auch Schriftsteller müssen eben hart arbeiten.
Spricht man mit Walser, kommt man nicht darum herum, ihn auf politische Themen hin zu befragen und sein Verhältnis zur Politik auszuloten. Eigentlich ein spannendes Thema: Walser, dem früher Sympathien zu "kommunistischen Kreisen" nachgesagt wurden, wird seit einigen Jahren recht unschmeichelhaft in die Rubrik "nationalkonservativ" eingeordnet. Doch darauf angesprochen, winkt Walser gleich gestenreich ab. Er ist all dieser politischen Etikettierung leid, möchte damit nichts mehr zu tun haben. Seine im Laufe seines Leben gemachten kontroversen politischen Aussagen bezeichnet er als Reaktion auf "politische Provokationen", mit denen er aus seiner "belletristischen Etage" herausprovoziert worden sei. Ein alte Aussage bestätigend, beschwört Walser sein Selbstverständnis, "kein politischer Schriftsteller" zu sein - "nicht eine Sekunde".
Und man glaubt ihm. Mit der Selbstgenügsamkeit eines bedeutenden Schriftstellers scheint Walser die Dinge außerhalb seiner "belletristischen Etage" nicht wirklich wichtig zu nehmen. Zudem ist Walser offenbar dieser politischen Debatten auch tatsächlich müde, sie eher mißbilligend als wirkliches Interesse daran zeigend. Auch auf ein anderes "Etikett", wie Walser mit abwinkender Handbewegung beklagt, möchte er sich nicht festlegen lassen. Konfrontiert mit dem Zitat, Walser sei "ein großer Dichter kleiner Leute", lehnt er es entschieden ab, seine enge Verhaftung zum Bodensee als eine Art kleinbürgerliche Provinzialität verstanden zu wissen, wie sie im Feuilleton zuweilen geäußert wird. Seine Aufgabe ist das Erzählen: "Schriftsteller kümmern sich nicht um das ,Welterklären'", stellt Walser klar, indem er mit viel Witz und Elan sowohl Sartre als auch Dostojewski als ihm entgegengesetzte Beispiele anführt: Hier nun ist Walser in seinem Element.
Martin Walser verläßt schließlich den Ort seiner Lesung, die Aula der Neuen Universität, und hinterläßt ein doch anderes Bild, als es in der Medienöffentlichkeit im allgemeinen gezeichnet wird. Hier präsentiert sich nicht der kontrovers um politische Meinung ringende Streitlustige, sondern ein das Zeitgeschehen kritisch und bisweilen spontan kommentierender Autor. Entgegen seiner regelmäßigen Präsenz im deutschen Blätterwald - wo über ihn, selten jedoch von ihm selbst geschrieben wird - zeigt sich der altgewordene Schriftsteller, der nur eines will: Schreiben. Für den bereits 71jährigen Walser steht fest: "Schreiben ist eine Lebensart" - "bis an das Lebensende". (ab)
Martin Walser: Ein springender Brunnen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1998. Leinen, 400 Seiten, 49,80 DM
Der 1930 in St. Lucia geborene Nobelpreisträger ist Professor an der Boston University (USA) und Leiter des Boston Playwright's Theatre. Er lebt abwechselnd in den USA und auf St. Lucia.
Zu seinen Gedichtbänden und Theaterstücken zählen "Das Königreich des Sternapfels" und "Erzählungen von den Inseln". Mit Paul Simon schrieb er dasMusical "The Capeman", das Ende Januar am Broadway uraufgeführt wurde.
Was für Gedanken mögen dem europäischen Betrachter wohl kommen, der den Streit der beiden karibischen Fischer Archill und Philoctete um die schöne Helena betrachtet?
Und was für Gedanken werden sich wohl hinter der Stirn des karibischen Schriftstellers verbergen, der in der prunkvollen Aula der alten Universität dem kulturbeflissenen Heidelberger Publikum entgegensieht? Das wird sich so leicht nicht klären lassen, denn Derek Walcott, der Literaturnobelpreisträger von 1992, gibt sich auf Fragen recht bedeckt. Dafür erzählt er uns von Archill und Philoctete, den karibischen Fischern.
Fischer? - Homer hatte seinerzeit für seine Helden wohl anderes Tagewerk im Sinn. Diese und verzwicktere Mehrdeutigkeiten aufzuklären, hatte der Zuhörer in der vom Deutschen Amerikanischen Institut (DAI) organisierten Lesung am 26.10. alle Hände voll zu tun.
Die Metaphorik der in englischer Sprache von Walcott vorgetragenen Gedichte zu entschlüsseln, erforderte nicht nur gedankliche Akrobatik, sondern ist ohne ein gewisses Vorwissen nahezu unmöglich. Denn das, was uns von der Karibik bekannt ist, beschränkt sich oft auf klischeebeladene Bilder aus Urlaubsprospekten - auf den Gedanken an Sonne, Exotik, Meer und Strand. Auch ein Pirschen durch das anglistische und spanische Seminar auf der Suche nach einem Walcott-Kenner unter den Professoren blieb nahezu erfolglos.
Die Geschichte der Karibik, die von der Kolonialherrschaft der Spanier und der Engländer und durch die Bewirtschaftung der Plantagen durch Sklaven aus Afrika geprägt wurde, spielt in seinen Gedichten und Dramen eine wichtige Rolle. Das Erbe der Kolonisation und das durch die gewaltsame Verpflanzung der Schwarzen in die Karibik entstandene Gefühl der Entwurzelung wird in der Literatur der Karibik immer wieder thematisiert. Gerade Walcott greift das Thema der Suche nach einer neuen Identität in einem "fremden" Land oft auf.
Die folgenden Zeilen aus einem seiner Werke stellen ihn und seine Situation dar:
" Ich bin ein roter Nigger, der lieben das Meer, / Bin ich, mit echtem kolonialen Diplom; / Hab Holländisch, Nigger und Englisch in mir, /Bin entweder niemand oder eine Nation."
Er zeigt dadurch das Problem auf, in dem Zusammentreffen verschiedener Kulturen eine Identität zu finden. Walcott hat für sich einen Weg gefunden, indem er versucht, gerade in der Vielseitigkeit verschiedener Einflüsse eine neue Heimat zu gewinnen - in der Integration traditioneller Wurzeln.
Er las einige Stellen aus seinem Buch "Omeros", für das er 1992 den Literaturnobelpreis erhielt, in englischer Sprache vor, der Leiter des DAI trug Ausschnitte des Werkes dann in deutscher Sprache vor.
Auffallend war die Sicherheit und Gelassenheit, mit der Walcott auftrat und mit ruhiger Stimme zurückhaltend las. Er schien sich seiner literarischen Leistungen durchaus bewußt zu sein, denn auf die Frage eines Literaturprofessors, ob es nicht möglich sei, noch einmal die Übersetzung des Gedichtes "The Fortunate Traveller" in deutscher Übersetzung zu hören, antwortete Walcott nur kurz angebunden: "If you want to hear it in German, read Omeros." Somit war der Programmpunkt "Fragen an den Autor" abgeschlossen.
Mit Sicherheit stellte die Lesung Walcotts einen der Höhepunkte in dem Programm des DAI dar. Besonders in den deutschen Übersetzungen der Literatur Walcotts war es möglich, die Brillanz seiner Metaphorik und die Intensität seiner Bilder, mit denen er in "Omeros" die Schönheit der karibischen Landschaft beschreibt, nachzuvollziehen. Dies geschieht, ohne daß es, wie Walcott es verachtend bezeichnet, "postkartenkitschig" wirkt.
Er schließt die soziale Realität aus seinem Werk nicht aus. Im Gegenteil: Sie wird in langen epischen Gedichten thematisiert.
Der Titel seines Buches Omeros zeigt, daß Walcott kein regionaler Dichter ist. Seine Anspielungen auf die Geisteswelt sind eben weit verzweigt. Da ist der Titel, der auf den altgriechischen Dichter Homer Bezug nimmt, nur ein Beispiel. Nachgewiesen haben andere ein Kompendium, das von Eliot über Poe bis Pasternack reicht. Walcott sagt jedoch, daß er trotz europäischer Elemente in seinen Dramen und Gedichten nie ein westlicher Dichter geworden ist. "Von Anfang an spürte ich den Menschen der Karibik gegenüber eine Verantwortung, weil sie keine echte Möglichkeit zur Artikulation haben."
Das hat Derek Walcott mit der Lesung in der Aula der alten Uni bestimmt bewirkt: Neugierig auf seine schillernden Dichtungen und seinen poetischen Reichtum zu machen.
Walcott sagt dazu: "Ich komme eben aus dieser Landschaft der Überfülle." Und das hat man den mitreißenden Dichtungen der Lesung auch angemerkt. (cma)